Waschbären sind keine Haustiere
Stellungnahme zur Haltung und Aufzucht von Waschbären
von F.-U. Michler & B. A. Köhnemann
In den letzten Jahren ist in Deutschland das Halten von Waschbären regelrecht in Mode geraten. Auch wir merken dies durch unzählige Anrufe von Personen, die Fragen zur Aufzucht dieser Kleinbären haben. Diese deutliche Zunahme von Anfragen war der Anlass zur Erstellung dieser Stellungnahme.
Waschbären sind Wildtiere und wurden trotz verschiedener Versuche bis zum heutigen Tag keinem erkennbaren Domestikationsprozess unterworfen. Dies bedeutet, dass diese Tierart keinerlei Eigenschaften mitbringt, die ein vernünftiges, sprich rechtlich und moralisch unbedenkliches, andauerndes oder auch nur temporäres Zusammenleben mit Menschen gewährleisten könnten.
Waschbären werden nie richtig zahm, wie wir das beispielsweise von Hauskatzen und Hunden her kennen. Selbst handaufgezogene Tiere bleiben in aller Regel relativ scheu und lassen sich ihr Leben lang nicht wirklich zähmen – geschweige denn werden sie zu Schmusebären oder Kuscheltieren. Spätestens mit dem Einsetzen der Geschlechtsreife wird der bis dahin noch recht anhängliche Jungbär dann in aller Regel zum unberechenbaren Raubtier. Waschbären sind grundsätzlich unerziehbar. Als Halter ist man auf Grund des entstehenden Chaos und der sich entwickelnden Aggressivität dieser maskierten Langfinger sehr schnell überfordert.
Das Ergebnis ist dann meist das gleiche: Die Tiere werden entweder irgendwo ausgesetzt oder sie vegetieren den Rest ihres Lebens in einem Zwinger dahin. Letzteres ist für solch eine anspruchsvolle und soziale Tierart wie dem Waschbären ein äußerst unwürdiges Dasein, das keiner artgerechten Haltung im Sinne des TierSchG entsprechen kann. Nicht minder problematisch ist ein geplantes Aussetzen in der Wildbahn. Unabhängig von den gesetzlichen Einschränkungen (in den meisten Bundesländern erfordert jede Aussetzung eines Wildtieres eine behördliche Genehmigung) sind dabei zwei Punkte zu beachten:
1. Die Tiere haben aus verschiedenen Gründen kaum eine Chance zu überleben. Sie haben nie wirklich gelernt, wo und wann sich geeignete Futterplätze finden lassen und wie man sichere Übertagungsplätze findet. Setzt man die Tiere zudem in Waschbärgebieten aus, so sind die geeigneten Habitate in der Regel vollständig von etablierten Tieren besetzt. Somit entspricht der neue Lebensabschnitt des ausgesetzten Waschbären einem regelrechten "Spießrutenlaufen", bei dem die etablierten Tiere dem unerwünschten Eindringling unmissverständlich klar machen, dass er/sie hier unerwünscht ist.
2. Die handaufgezogenen Waschbären werden häufig zu so genannten „Problembären“ die immer wieder zu Konflikten führen, indem sie die menschliche Nähe aufsuchen, teilweise tagaktiv sind und ein dreistes Nahrungsbetteln an den Tag legen. Ein ähnliches Verhalten zeigen im Übrigen auch wildlebende Waschbären, die aus falsch verstandener Tierliebe regelmäßig gefüttert und damit halbzahm gemacht wurden. Die logische Konsequenz ist meistens der Ruf nach dem Jäger. Wer handaufgezogene Waschbären aussetzt oder wilde Waschbären füttert erweist diesen Tieren also einen "Bärendienst".
Ein weiterer Aspekt bei der Aufzucht/Haltung eines Waschbären ist eine unumkehrbare Degeneration dieses Wildtieres - halbzahme Waschbären können immer nur ein Schatten ihrer wilden Artgenossen sein. Wer einmal die Möglichkeit hatte, das Verhalten frei lebender Waschbären zu beobachten, wird sich einer gewissen Faszination für diese äußerst intelligenten Tiere kaum entziehen können. Halbzahme Waschbären hingegen wirken in der Regel geradezu degeneriert - mit dem Verlust ihrer Unabhängigkeit verlieren sie ein großes Stück ihres natürlichen Verhaltensrepertoires und somit auch ihrer besonderen Faszination. In menschlicher Obhut können die speziellen Bedürfnisse dieses Wildtieres in aller Regel nicht befriedigt werden.
Aus den oben genannten Gründen ist eine private Aufzucht und Haltung von Waschbären daher grundsätzlich abzulehnen.
In wenigen Ausnahmefällen kann es tierschutzrechtlich dennoch gerechtfertigt sein, Waschbären aufzuziehen. Ein möglicher Grund kann z.B. das Auffinden von verwaisten Waschbärjungen sein (jeweiliges LJagdG beachten). Dabei ist allerdings zu beachten, dass 95 % aller vermeintlichen Waisen tatsächlich keine Waisenkinder sind. Um ihren hohen Energiebedarf während der Laktationszeit (bis in den vierten Lebensmonat) stillen zu können, lassen Waschbärmütter ihren Nachwuchs regelmäßig und relativ lange alleine. Während der Zeit, wenn die Mutterfamilien ihre Wurfhöhlen verlassen haben, werden somit häufig einzelne Jungtiere "mutterseelenallein" entdeckt. Aufgefundene Jungtiere sollten somit zunächst dort gelassen werden, wo sie sind. Hat sich die Situation allerdings nach zwei Tagen noch nicht geändert, so scheint der Mutter wahrscheinlich etwas zugestoßen zu sein.
Um die Jungtiere aber erfolgreich und artgerecht aufziehen zu können, ist ein fundiertes Wissen über die Besonderheiten bei der Aufzucht und Haltung von Nöten. Dieses bekommt man durch ein intensives Literaturstudium und durch Kontakte mit erfahrenen Personen. Eine Möglichkeit besteht durch den Besuch von qualifizierten Internetforen, weshalb wir das Waschbär-Forum auf unserer Linkliste aufgeführt haben.
Grundsätzliche Informationen zum Thema „Waschbären als Haustiere“ finden Sie auch unter www.diewaschbaerenkommen.de/html/waisenkinder.html

