Allgemeine Angaben

Abb. 1a: Verbreitung des Waschbären in Deutschland - Auf Grundlage der gemeldeten Jagdstrecken (inkl. Todfunde) nach Landkreisen und kreisfreien Städten für die Jagdjahre 2001-2003. Gut zu erkennen sind die beiden großen Schwerpunktvorkommen um die einstigen Gründerpopulationen. Seit ca. 2005 ist ein Zusammenwachsen beider Kerngebiete zu beobachten, wobei das Bundesland Sachsen-Anhalt als Bindeglied fungiert.

Populationsdichten von Waschbären
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1. Einleitende Informationen:

1.1. Verbreitung

Das autochthone Verbreitungsgebiet des Waschbären liegt in Nordamerika und reicht vom Süden Kanadas über die Vereinigten Staaten von Amerika bis Panama. Als wertvoller Pelzträger gelangte der Kleinbär in den 1920/30er Jahren nach Europa (florierende Pelzmode) und konnte in der Folgezeit durch mehrere bewusste Aussetzungen und zahlreiche Ausbrüche aus Pelztierfarmen, Tiergärten und privaten Gehegehaltungen einige freilebende Population aufbauen.
Obwohl der Waschbär mittlerweile in nahezu allen Ländern Mitteleuropas nachgewiesen ist (Abb. 1b), beschränkt sich der Schwerpunkt seiner Verbreitung nach wie vor auf Gebiete der Bundesrepublik Deutschland. Innerhalb von Deutschland existieren zwei Vorkommensschwerpunkte in Mittel- und Nordostdeutschland (Abb. 1a). Das erstgenannte, größere und etwas ältere Kerngebiet geht auf eine Aussetzung am Edersee (1934) zurück und umfasst vor allem die Bundesländer Hessen, Nordrhein-Westfalen (Osten), Thüringen (Westen) und Niedersachsen (Süden). Das jüngere Kerngebiet in Ostdeutschland basiert auf im Jahr 1945 entlaufenen Farmtieren östlich von Berlin - Kreis Strausberg. Neben diesen beiden für Mitteleuropa wichtigsten Initialzündungen gab es bis in die jüngste Zeit hinein verschiedene weitere Aussetzungen resp. Ausbrüche aus Gefangenschaftshaltungen, so dass der ursprünglich nearktische Waschbär mittlerweile ein fester Bestandteil der europäischen Fauna ist.
Der klassischen Systematik folgend werden bei der Art Procyon lotor bis zu 25 Subspecies beschrieben - wobei die taxonomische Stellung der mitteleuropäischen Waschbären bisher völlig ungeklärt ist. Wahrscheinlich bestand das genetische Ausgangsmaterial für die deutschen Ansiedlungen dieser Edelpelztiere in erster Linie aus der Nominatsubspecies P. l. lotor und der in Nordamerika ebenfalls weitverbreiteten Form P. l. hirtus. 
Nach neuesten taxonomischen Beschreibungen (PCR-based methodology) scheint die Einteilung in verschiedene Unterarten aber nicht gerechtfertigt zu sein, so dass von den Systematikern vorgeschlagen wurde, zukünftig nur noch von einer Art Procyon lotor zu sprechen.
 

Abb. 1b: Verbreitung des Waschbären in Mitteleuropa. Legende: Innerhalb der roten und orangen Gebiete existieren seit über 30 Jahren (in den roten Kerngebieten seit 50 bis 70 Jahren) stabile Vorkommen mit Populationsdichten von im Schnitt 2 bis 8 Waschbären pro 100 ha (Sommerbestand) in naturnahen Habitaten und bis zu 100 Waschbären pro 100 ha in urbanen Gebieten. Innerhalb dieser Flächen findet eine regelmäßige Reproduktion statt. Die gelben Flächen zeigen Gebiete in denen Waschbären potentiell vorkommen können, ohne das regelmäßig Reproduktionsereignisse nachgewiesen werden. Die braunen Punkte stellen Einzelnachweise dar, die zum Teil weit entfernt von etablierten Populationen liegen. Dies indiziert, dass wahrscheinlich einige dieser Nachweise auf Gefangenenschaftsflüchtlinge zurückzuführen sind (Stand der Daten 2010).

Verbreitung des Waschbaeren in Mitteleuropa

1934 gilt also als die Geburtsstunde der europäischen Waschbären, wenn auch schon einige Jahre vorher mehrere Tiere aus verschiedenen Waschbärenfarmen entliefen und kleine Freilandpopulationen gründeten (z.B. 1929/30 in der Eifel), wobei diese Vorkommen wahrscheinlich wieder erloschen. In den folgenden Jahren stand der Waschbär unter Naturschutz - erst 20 Jahre später wurde dieser Totalschutz aufgehoben, so dass der Waschbär seit 1954 in Deutschland - beginnend in Hessen - regulär bejagd wird. In den ersten Jahrzehnten blieb die Jagdstrecke dabei auf einem relativ niedrigen Niveau (Lag-Phase), um dann ab Mitte der 1990er Jahre exponetiell anzusteigen (expansive Phase; Abb. 2). Im letzten Jagdjahr 2011/12 wurden in Deutschland 71.071 Waschbären erlegt (DJV-Handbuch 2013). Auf dem Foto in der Grafik unten (Abb. 2) ist der Züchter Rolf Haag mit seinen Waschbären dargestellt, die 1934 im Forstamt Vöhl am Edersee ausgesetzt wurden. Ein Zeitzeuge, der als Wehrmachtssoldat bei der Aussetzung dabei war, wurde im Rahmen von Forschungstätigkeiten in Kassel im Jahr 2001 interviewt. Er beschrieb die Aussetzung folgendermaßen:
"Ich wurde am 12. April 1934 zusammen mit meinen Kameraden ins Revier Asel am Edersee abkommandiert, um während der Aussetzung Spalier zu stehen. Neben zahlreichen Gästen nahmen auch verschiedene hohe Beamte an dem Ereignis teil. Ein Bläsercorps war vor Ort und nachdem der damalige Forstmeister Freiherr Sittich von Berlepsch seine Rede beendet hatte, erklang die Nationalhymne. Anschließend wurden zwei verblendete Holzkisten geöffnet, in denen sich je ein Waschbärpärchen befand" (KLINGENTHAL mündl.).
Die Geburtsstunde der europäischen Waschbären ist also nicht das Ergebnis einer Nacht- und Nebelaktion, sondern wurde von offizieller Stelle als „Bereicherung der heimischen Tierwelt“ gefördert (Archiv Forstamt Vöhl).

Heutzutage leben schätzungsweise zwischen 600.000 und 800.000 Waschbären in Deutschland. 

Abb. 2: Entwicklung der Jagdstrecke in Deutschland. Quellen: Kampmann (1972), Lutz (1984), DJV-Handbuch. Foto: Christoph Haag, Grafik: "Projekt Waschbär"

Jagdstreckenentwicklung Waschbaer Deutschland Stand 2012

1.2. Vorkommen des Waschbären in Mecklenburg-Vorpommern

Die Waschbären des Mecklenburger Vorkommens sind als Nachkommen der Stausberger Gründertiere anzusehen. Die ersten Wasch­bären im heutigen Mecklenburg-Vorpommern wurden in den 1960er Jahren nachgewiesen (Details siehe "Aus der Region"). In den folgenden drei Jahrzehnten blieb es allerdings bei vereinzelten Nachweisen bzw. Erlegungen. Ein verstärk­tes Auf­treten der Klein­bären, einher­gehend mit anwachsenden Streckenergebnissen, wurde erst Ende der 1990er Jahre verzeichnet. Heute ist der Waschbär in sehr unterschied­lichen Populationsdichten über weite Teile Mecklenburg-Vorpommerns ver­breitet, wobei ein deut­licher Verbreitungsschwerpunkt in den südlich-zentral gelegenen Landkreisen – Mecklen­burg-Strelitz und Müritz – liegt (siehe Abb. 3). Nach einer aktuellen Modellierung leben derzeit zwischen 14.000 und 20.000 Waschbären in Mecklenburg-Vorpommern.

Abb. 3: Aktuelle Verbreitung des Waschbären in Mecklenburg-Vorpommern auf der Grundlage der Jahresjagdstrecken in den Landkreisen und kreisfreien Städten von 2005-2007.

Verbreitung des Waschbären in Mecklenburg-Vorpommern

Abb. 4: Dieser junge Waschbärrüde aus dem Jahre 1977 gilt als Erstnachweis für den heutigen Landkreis Mecklenburgische Seenplatte. Foto: K. Weber

1.Waschbaernachweis im Mueritz-NP

2. Untersuchungsgebiet

Die freilandbiologischen Untersuchungen (2006-2011) fanden in einer charak­te­ris­­tischen Sumpf- und Moorlandschaft der nordostdeutschen Tief­ebene Mecklenburg-Vorpommerns in zwei Untersuchungsgebieten statt - im Serrahner Teilgebiet des Müritz-Nationalparks auf einer Fläche von ca. 6.000 ha (USG I) und und im Revier Feldhütte des Forstamtes Lüttenhagen (ca. 1.000 ha, USG II). Die Untersuchungsgebiete stellen aufgrund der zahlreichen Gewässerstrukturen in Form von Niedermooren, Sümpfen, Seen, Gräben, Bächen sowie ausgeprägten Schilfröhrichten und des großen Angebots an Totholz (Baum­höhlen) einen sehr geeigneten Lebensraum für Waschbären dar (Details siehe Köhnemann et Michler 2009).

Beim USG I handelt es sich um einen charakteristischen naturnahen Lebensraum der nordostdeutschen Tiefebene. Im Kerngebiet der Untersuchungsfläche befinden sich über 90 eutrophe Niedermoore und Sümpfe (ca. 20 % Flächenanteil) in Form eines klassischen Binnen­entwässerungsgebietes. In den Feuchtlebensräumen erschließt sich dem omnivoren Kleinbären aufgrund seines hochsensi­blen Tastsinns an den Vorder­pfoten (taktile Nahrungs­suche) ein ganz­jährig nahezu uner­schöpf­­liches Nahrungs­angebot in Form von bei­spiels­­weise Amphi­bien, Insektenlarven und Mollusken.
Dagegen handelt es sich beim USG II um einen rel. stark anthropogen beeinflussten Lebensraum der nordostdeutschen Tiefebene. Diese verschiedenen Charakteristika sollen vergleichende Analysen zu verschiedenen Themenschwerpunkten ermöglichen.

Die Untersuchungsgebiete werden seit Ender der 1970er Jahre vom Waschbären besiedelt - der Erstnachweis erfolgte bei der Ortschaft Zinow im März 1977 (Abb. 4).

Abb. 5: In den unzähligen Feuchtlebensräumen des Untersuchungsgebietes erschließt sich dem Waschbären aufgrund seiner taktilen Nahrungssuche ein reiches Nahrungsangebot.

Waschbär im Bachlauf
Charakteristisches Niedermoor im Untersuchungsgebiet des Müritz-Nationalparks
Waschbaer im Moor Copyright Projekt Waschbaer

Abb.6: Feuchtgebiete in Form von Niedermooren prägen die Habitatstruktur in den Untersuchungsgebieten (4 kleine Bilder oben). Ausgedehnte urwaldartige Rotbuchenbestände gehören neben den Fechtlebensräumen zu den besonders charakteristischen Habitatstrukturen. Die Serrahner Buchenwälder im Müritz-Nationalpark gehören seit 2011 zum UNESCO-Weltnaturerbe. Fotos: "Projekt Waschbär"

Serrahner Buchenwälder

3. Datengrundlage (Telemetrie)

Zwischen 2006 und 2010 wurden im Serrahner Teil des Müritz-Nationalparks innerhalb eines ca. 1.500 ha großen Fallennetzes 145 verschiedene Waschbären insgesamt 486 mal gefangen und markiert. 69 Tiere (28 adulte Rüden, 23 adulte Fähen, 18 Jungtiere) erhielten zusätzlich UKW-Halsbandsender zur telemetrischen Verfolgung. Von diesen Tieren liegen nach Ende der Datenaufnahme (Dezember 2011) über 30.000 Lokalisationspunkte für die Auswertungen vor.

 

Abb. 7: Besenderung einer narkotisierten Waschbärfähe.

Frank Michler und Berit Köhnemann bei der Bearbeitung einer immobilisierten Waschbärfähe

Abb. 8: Wildbiologe Frank Michler passt einen UKW-Halsbandsender an. Fotos: "Projekt Waschbär"

Projektleiter Frank Michler passt einem narkotisierten Waschbärrüden einen Haslbandsender an

4. Erste Ergebnisse (Stand Mai 2008)

4.1. Populationsdichte

Einer ersten Schätzung zufolge leben im Untersuchungsgebiet etwa 4 bis 6 Waschbären auf 100 ha (Petersen-Lincoln-Index, Sommerbestand). Unter Berücksichtigung einer ungleichmäßigen Verteilung (Agglomeration in Habitaten mit besonders günstigem Ressourcenangebot resp. geringere Abundanz in Gebieten mit weniger günstigem Ressourcenangebot) bedeutet dies, dass im Serrahner Teil des Müritz-Nationalparks in den Sommermonaten ca. 250-300 Waschbären leben. Rechnet man dies auf den gesamten Nationalpark hoch (= 32.000 Hektar) so leben nach einer restriktiven Schätzung derzeit ca. 700-1000 Waschbären innerhalb dieses Schutzgebietes.

Verglichen mit Ergebnissen der einzigen außeramerikanischen Vergleichsstudie aus dem Solling (Hohmann 1998), einem Höhenzug des Weserberglandes mit strukturreichem Mischwald (Südniedersachsen), ist die Dichte im Müritz-Nationalpark annähernd doppelt so hoch. Diese höhere Populationsdichte weist auf eine sehr gute Ressourcenausstattung im Müritzer Untersuchungsgebiet hin. So bieten die ausgeprägten Feuchtgebiete mit ihrem reichen Nahrungsangebot in Form von Amphibien, Weichtieren und Wasserinsekten sowie die alten Mischwaldbestände zahlreichen Waschbären auf geringer Fläche alle Ressourcen die zum Überleben notwendig sind. Im Vergleich mit amerikanischen Walddichten liegt die gemessene Dichte an der Müritz jedoch noch am unteren Ende der Skala (Abb. 9).

Abb. 9: Populationsdichten von Waschbären (Individuen pro 100 ha) in verschiedenen Untersuchungsgebieten Nordamerikas und Deutschlands. Alle deutschen Untersuchungesgebiete sind namentlich gekennzeichnet.

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4.2. Schlafplatzwahl der Waschbären

Abb. 10: Tagesschlafplatz eines sendermarkierten Jungrüden in einer toten Erle im Müritz-Nationalpark. Foto: "Projekt Waschbär"

Schlafplatzwahl Müritz 2006

(Stand Mai 2008)

Bis Anfang Mai 2008 konnten die besenderten Tiere 8932 mal geortet werden und brachten damit Erkenntnisse über 1119 Schlafplätze. Bei der Schlafplatznutzung deuten sich deutliche saisonale Unterschiede an: Nutzten die Tiere im Frühjahr fast ausschließlich Bäume (91 %) als Tagesverstecke, so hat sich die Nutzung im Sommer auf 32 % verringert. Dagegen haben Bodenschlafplätze im Sommer mit 68 % deutlich an Bedeutung zugenommen. Bei den Bodenschlafplätzen handelt es sich in erster Linie um Schlafplätze im Schilf oder in Mooren (auf Seggen- und Wurzelbulten oder unter Weidenkomplexen von Grau- und Öhrchenweiden). Diese hohe Nutzungsrate an Bodenschlafplätzen ist eine der höchsten, die je für diese Tierart ermittelt wurde (Abb. 11).

 

Abb. 11: Verteilung der Schlafplatznutzung im Müritz-Nationalpark. Die Nutzungen entsprechen der Anzahl an Schlafplatzortungen, die auf den jeweiligen Schlafplatztyp entfielen. Grafik: "Projekt Waschbär"

Abb. 12: Tagesversteck eines juvenilen Waschbärrüden in einer toten Buche.

Tagesschlafplatz in einer toten Buche

Abb. 13: Zwei adulte Waschbärrüden übertagen gemeinsam in einer hohlen Eiche. Fotos: "Projekt Waschbär"

Zwei adulte Rüden übertagen in einer Erle

4.3. Lebensraumnutzung

Charakteristisch für den Lebensraum der untersuchten Waschbären ist das großflächige Vorhandensein von Feuchtgebieten (Niedermoore, Sümpfe, Seen und Bäche) inmitten ausgedehnter Buchenwälder. Hier finden die Tiere neben sicheren Versteckplätzen vor allem auch ein ganzjährig nahezu unerschöpfliches Nahrungsangebot. Baumlose Habitate wie beispielsweise landwirtschaftliche Nutzflächen werden von den Tieren dagegen kaum genutzt, da die Kleinbären wegen ihres hohen Sicherheitsbedürfnisses auf eine dreidimensionale Habitatstruktur (Wälder) angewiesen sind.

Abb. 14: Lage der Streifgebiete von zwei telemetrisch untersuchten Waschbären (links: adulter Rüde, rechts: adulte Fähe), Untersuchungsjahr 2006.

Streifgebiet eines sendermarkierten Waschbären

Abb. 15: Die Berechnungen erfolgten mit dem 95er Fixed-Kernellevel. Die roten Punkte stellen die Einzellokalisationen der Tiere im USG dar.

Streifgebiet einer sendermarkierten Waschbärfähe

4.4. Streifgebietsgrößen

Die ermittelten Streifgebietsgrößen sind im Müritz-Nationalpark deutlich kleiner als im Solling (Hohmann 1998): Nach ersten Berechnungen belaufen die Rüden Aktionsräume von im Mittel 660 Hektar, die der Fähen sind mit durchschnittlich 220 Hektar nur ein Drittel so groß (siehe Abb. 3). Diese relativ kleinen Streifgebiete deuten – wie die schon oben erwähnten höheren Populationsdichten – auf ein ausgesprochen gutes Ressourcenangebot im Untersuchungsgebiet hin. Der Müritz-Nationalpark ist mit einem dichten Netz von Feuchtgebieten (Niedermoore, Uferbereiche von Seen, Gräben) durchzogen. Fast alle Moore, Seen und Tümpel sind über Gräben miteinander verbunden (Leitstrukturen). Würde man eine Karte mit den Gewässerstrukturen erstellen, hätte man ein vernetztes Gebiet von Feuchtgebieten, das ziemlich exakt die Nutzungsflächen und Laufwege der Waschbären darstellt. Die Flächen außerhalb dieses „Wegenetzes“ werden so gut wie nicht genutzt.

Abb. 16: Durchschnittliche Streifgebietsgrößen erwachsener Waschbären nach den Angaben amerikanischer und deutscher Telemetriestudien. Alle dargestellten Flächenwerte stellen die lineare Umfassung aller Lokalisationen in Form eines konvexen Polygons dar (Polygonmethode). Quellen: Hohmann 1998, Gehrt 2003, Michler 2003, Michler 2006.

Aktionsraumgrößen von Waschbären

5. Ergebnisse aus dem Jahr 2007

5.1. Staupe bei Waschbären

Abb. 17: Bergung einer mit Staupe infizierten Waschbärfähe. Dieses Tier musste aus Tierschutzgründen euthanasiert werden. Serrahn, Mai 2007. Foto: "Projekt Waschbär"

Im Jahr 2007 wurden zwölf markierte Waschbären tot bzw. in moribundem Zustand geborgen. Alle von ihnen standen seit längerer Zeit unter radio-telemetrischer Kontrolle.

Dank der engen Zusammenarbeit mit der Pathologin Dr. G. Wibbelt vom Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung (IZW) Berlin konnte schnell geklärt werden, dass es sich bei der Todesursache in fünf Fällen um canine Staupeviren (CDV - Canine Distemper Virus) handelte. Diese hochinfektiöse Krankheit wurde damit erstmalig bei europäischen Waschbären nachgewiesen.
(Publizierte Ergebnisse zu allen ermittelten Todesursachen finden Sie hier).

Bei Staupe handelt es sich um eine ubiquitär verbreitete meist akut verlaufende Viruskrankheit (Morbilliviren aus der Familie der Paramyxoviridae) die vor allem bei Marder- und Hundeartigen sowie bei Robben, Kleinbären und Großkatzen auftritt. Kleinkatzen lassen sich mit dem Virus infizieren, zeigen jedoch keine Symptome (inapparente Infektion). In jüngerer Zeit wurden auch einzelne Ausbrüche bei "Nicht-Raubtieren" (z.B. Nabelschweine) beobachtet.

Die Übertragung erfolgt durch direkten Kontakt zwischen den Tieren (Tröpfcheninfektion) oder indirekt durch Kontakt von Sekretausscheidungen erkrankter Tiere. Die Dauer der Erkrankung beträgt einige Tage bis zu vier Wochen und endet bei klinisch erkrankten Tieren in der Regel letal, so dass die Sterblichkeitsrate innerhalb einer Population sehr hoch sein kann. In Nordamerika ist Staupe die häufigste natürliche Todesursache des Waschbären.
Staupe ist keine Zoonose und somit nicht auf den Menschen übertragbar, wogegen sie durch eigenständige Infektionszyklen unter Wildtieren eine große epidemiologische Bedeutung erlangen kann.

Bilder und Kurzfilme charakteristischer Symptome von staupeerkrankten Waschbären finden Sie hier.

  

5.2. Auf großem Fuß

Abb. 18: Während der Dismigration durchwandern die Tiere völlig unbekannte Gebiete in denen zahlreiche Gefahren lauern. Auf Grund ihrer ausgeprägten Wanderleidenschaft fallen dabei vor allem junge Rüden dem Straßenverkehr zum Opfer.

Mit der Geschlechtsreife wandern Waschbären für gewöhnlich aus dem mütterlichen Wohngebiet ab, um sich einen eigenen Lebensraum zu suchen. Dabei legen Rüden in der Regel deutlich größere Strecken zurück, während die weiblichen Geschwister meist ein Leben lang in der Nähe ihres Geburtsortes bleiben.
Die bisher bekannten Abwanderungsentfernungen europäischer Waschbären liegen zwischen 5 und maximal 20 Kilometer (Hohmann 1998).
Ein männlicher Waschbär aus dem Müritz-Nationalpark hat nun eine deutlich größere Strecke zurückgelegt: Der zweijährige Rüde wurde am 14. April 2007 nahe der polnischen Grenze innerhalb der Ortschaft Schulzendorf (bei Wriezen, Brandenburg) überfahren. Acht Monate vorher, am 24. August 2006 haben wir das Tier - 94 km Luftlinie entfernt - im Müritz-Nationalpark gefangen und markiert. Damit ist der Rüde nicht in wenig besiedelte Peripherien sondern mitten in das Kerngebiet des ostdeutschen Schwerpunktvorkommens abgewandert.
(Angaben über die weltweit weiteste Abwanderung finden sie hier)

 

Abwanderung eines adulten Waschbärrüden

Ebenso interessant ist die dokumentierte Dismigration eines adulten Waschbärrüden. Dieses ca. 4-5jährige Männchen stand seit März 2006 unter telemetrischer Kontrolle und nutzte über den Zeitraum von über einem Jahr einen festen Aktionsraum von ca. 650 ha Größe. Am 20.04.2007 begann das Tier sein Streifgebiet zu verlassen und wanderte zielstrebig nach Südwesten bis ins nördliche Brandenburg, um dann die Richtung nach Nordwesten zu wechseln. Dabei legte er ca. 7-8 km Wegstrecke pro Nacht (Luftlinie) zurück, querte Bundesstraßen, Siedlungsräume und Bahnlinien. Das letzte Mal konnten wir ihn am südlichen Ostufer der Müritz orten - seit dem 15. Mai´07 ist der Funkkontakt leider abgebrochen. Insgesamt haben wir den Rüden somit über 70 km bei seiner Abwanderung verfolgt (Abb. 19).

Abb. 19: Dokumentierte Abwanderungsstrecke des Rüden 1001 vom 20. April bis 12. Mai 2007 - die Punkte stellen die Orte der genutzten Tagesschlafplätze dar. Grafik: "Projekt Waschbär"

5.3. Fotofallenmonitoring

Durch das intensive Fotofallenmonitoring sind genaue Aussagen zur Waschbärabundanz im Kontollgebiet möglich. Daneben werden zahlreiche Zusatzinformationen zu den einzelnen Tieren sowie genauere Kenntnisse zur Sozioethologie der untersuchten Population gewonnen. Die individuelle Erkennung der Waschbären ist hierbei durch unterschiedliche Farbmarkierungen sowie durch verschiedenfarbige Ohrmarken möglich. In diesem Zusammenhang konnten bereits über 24.000 Fotofallenbilder ausgewertet werden.

Infrarot-Fotofalle im Untersuchungsgebiet
Fotofalle im Untersuchungsgebiet
Fotofallenbild von ID 1020

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6. Ergebnisse aus dem Jahr 2006

Interessante Ergebnisse lieferten im Jahr 2006 erstmalig auch sendermarkierte Jungtiere. So löste sich ein Jungtier beispielsweise schon Anfang September vom Familienverband – ohne jedoch das mütterliche Wohngebiet zu verlassen – wogegen alle anderen telemetrierten Jungtiere bis weit in den Winter ausschließlich in enger sozialer Bindung mit der Mutterfamilie lebten.

Jungtiere werden mit speziellen mitwachsenden UKW-Halsbandsendern ausgestattet. Fotos: "Projekt Waschbär"

Narkotisiertes Jungtier mit expandierendem UKW-Halsbandsender

Berit Köhnemann mit einem 12 Wochen alten Jungtier kurz nach der Besenderung.

Berit Koehnemann mit einem narkotisierten Jungtier

Kirschen sind eine Leibspeise des Waschbären. Wäh-rend der Fruchtreife zieht es die Tiere verstärkt in den Siedlungsraum des Menschen. Foto: I. Bartussek

Erste Exkrementanalysen zum Nahrungsspektrum des Waschbären im Müritz-Nationalpark zeigen, dass die Nahrungsgrundlage hier Insekten (in erster Linie Käfer und Insektenlarven – die besonders in den ausgeprägten Feuchtgebieten massenhaft vorkommen), sowie Amphibien und während der Sommer- und Herbstmonate vor allem Früchte wie Brombeeren, Kirschen, Pflaumen und Birnen sind. Hinzu kommen Schnecken, Muscheln, Regenwürmer und Reptilien. Nachweise von Kleinsäugern und Vögeln sowie von deren Jungtieren und Gelegen konnten bisher nur im Einzelfall erbracht werden.

Begünstigt durch eine ausgeprägte Mast stellten Eicheln während der Herbst- und Wintermonate die bedeutendste Nahrungsgrundlage dar. Die kalorienreichen Eicheln ermöglichen den Aufbau eines Fettpolsters für die nahrungsarme Winterzeit. Ersichtlich wird dies durch eine beeindruckende Gewichtsentwicklung der gefangenen Tiere im Jahresverlauf: Wogen beispielsweise die erwachsenen Rüden im Frühjahr zwischen 4,70 und 5,45 kg, brachten sie im Spätherbst und Winter des gleichen Jahres zwischen 8,80 und 10,65 kg auf die Wage. Noch bemerkenswerter ist die Gewichtsentwicklung der Jungtiere. Diese wogen während der ersten Fänge im Juli/August zwischen 1,7 und 2,1 kg. Dieselben Tiere wogen 12 bis 15 Wochen später zwischen 5,2 und 5,6 kg.– das entspricht einer wöchentlichen Gewichtszunahme von im Schnitt 255 g. Die im Winter gefangenen Jungtiere erreichten Gewichte bis 7,4 kg.

Von acht gefangenen geschlechtsreifen Fähen hatten sechs im Jahr 2006 Nachwuchs. Die jeweilige Wurfgröße (= nachgewiesene Welpen/reproduzierende Fähe nach Verlassen der Wurfhöhle) betrug im Mittel 3,0 Welpen (Min.: 2, Max.: 4 Welpen). Bei den beiden Fähen, die 2006 keinen Nachwuchs hatten, handelt es sich um eine einjährige sowie eine zwei- bis dreijährige Fähe. Letztgenannte führte im vergangenen Jahr schon einmal Junge.

Die reproduzierenden Waschbärfähen im Müritz-Nationalpark hatten im Jahr 2006 im Mittel drei Jungtiere. Foto: Ingo Bartussek

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