Kurzbeschreibung des „Projekt Waschbär“

Beim „Projekt Waschbär“ handelt es sich um ein Integriertes Projekt, das sich aus drei Modulen und einer Vielzahl von untergeordneten Teilprojekten zusammensetzt. Im Vordergrund stehen der Erwerb neuer Erkenntnisse und die Erarbeitung konkreter Ergebnisse zur Populationsbiologie des Waschbären in der nordostdeutschen Tiefebene, die sich in angewandten Bereichen umsetzen lassen.

Die feldökologischen Freilandarbeiten dieser wildbiologischen Forschungsstudie wurden im südlichen Mecklenburg-Vorpommern (Deutschland) in der Zeit von 2006 bis 2011 im Serrahner Teilgebiet des Müritz-Nationalparkes (Untersuchungsgebiet I) sowie im Forstamt Lüttenhagen (Untersuchungsgebiet II) durchgeführt.

Die drei übergeordneten Module umfassen folgende Schwerpunkte:

Modul I: Wissenschaftliche Untersuchungen bilden das Fundament des Gesamtprojektes.

Sektion eines Waschbaeren

Modul I bildet die Grundlage des Projektes und dient der Agglomeration von Erkenntnissen zur Biologie, zu Krankheiten und Parasiten sowie zu ökologischen und ökonomischen Auswirkungen des Waschbären. Hierfür wurden ausführliche wissenschaftliche Untersuchungen zu zahlreichen Themenschwerpunkten durchgeführt, um die drei Wirkungsebenen - ökonomische, ökologische oder gesundheitliche Risiken - fundiert bewerten zu können. So werden beispielsweise aus den erlangten Kenntnissen zur Biologie des Waschbären Rückschlüsse auf die Beeinträchtigung von Arten der heimischen Fauna erwartet. Dabei liegt das Augenmerk insbesondere auf naturschutzrelevanten Arten.
Durchgeführt wurde die Studie im südlichen Mecklenburg-Vorpommern (LK Mecklenburgische Seenplatte), einem Schwerpunktvorkommen des Waschbären in Europa. Da der Waschbär im Forschungs­gebiet insbesondere an Seen und Moore ge­bunden ist, stehen vor allem Auswirkungen auf die Brutpopulationen von Wasservogelarten im Vordergrund. Die räumliche Nähe und zeitliche Koinzidenz von Waschbärschlafplätzen und Brutplätzen dieser Vogelarten machen hier einen Einfluss möglich. Diese Artengruppen weisen hohe Anteile an schützenswerten Arten auf oder stehen sogar voll­kommen unter Schutz. Somit ist die fundierte Erfassung der Populationsbiologie des Waschbären nicht nur von wissen­schaftlichem Interesse, sondern auch von hoher naturschutzpolitischer Relevanz.
Ausgehend von der Hypothese, dass der Waschbär durch Prädation lokale Bestände naturschutzfachlich relevanter Tierarten beeinträchtigen kann, werden aus den Ergebnissen dieses Moduls wesentliche Schlussfolgerungen für die ökologische Bewer­tung des Neubürgers Waschbär im nordostdeutschen Raum erwartet. Sie bilden die Grundlage für die Entwicklung von Strategien zur Prävention ökologischer Schäden.

Bei den Modulen II + III handelt es sich um eine Informations- und Kommunikations­kampagne. Ein stetig steigendes Interesse an dem Projekt hat dazu geführt, dass im Laufe der Forschungstätigkeiten diese beiden Module konzipiert wurden. Hierbei wird die Öffentlichkeit laufend über neueste Resultate des Projektes informiert und es werden neben den biologischen Phänomenen auch sensible Bereiche wie z.B. übertragbare Krankheiten (Zoonosen) thematisiert. Damit wird zum einen zu einer sachlichen Diskussion beigetragen, zum anderen können Schlussfolgerungen und Empfehlungen zur Förderung der Akzeptanz von Wildtieren getroffen werden.

Modul II dient dem Wissenstransfer - hierbei werden die erlangten wissenschaftlichen Erkenntnisse einer breiten Öffentlichkeit bekannt gemacht. Dies geschieht durch eine intensive Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, zahlreiche Umwelt­bildungsmaßnahmen und Vortragsveranstaltungen, Bürgerberatungen vor Ort sowie durch eine ausführliche Internetpräsentation. Diese Aktivitäten werden ausschließlich durch ehren­amtliche Mitarbeiter realisiert.

Im Rahmen des Modul II werden aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse unter anderem durch eine intensive Pressearbeit einer großen Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Projektleiter F. Michler (2.v.r.) bei Dreharbeiten im Müritz-Nationalpark.

Dreharbeiten Projekt Waschbaer

Modul III dient der Umsetzung der erlangten Erkenntnisse. Die Aufklärungstätigkeiten aus Modul II sowie die Veröffentlichung einer umfangreichen Wissensbasis bilden die Grundlage für dieses Modul. Hierbei geht es um Beratungen bei der Erarbeitung von Management­plänen, die dazu dienen, ökologische und ökonomische Schäden durch Waschbären sowie Gefahren, die durch den Waschbären als Vektor für Krankheiten und Parasiten auftreten können, zu minimieren. Hierzu zählt im Rahmen eines Konfliktmana­gements auch die Beratung bei akuten Problemen mit Waschbären sowie bei gezielten Artenschutzmaßnahmen.
Die empfohlenen nachhaltigen Maßnahmen sollen langfristig im Rahmen der Nationalpark- und Naturschutzarbeit umgesetzt werden.

  

Hintergrund

Der Waschbär (Procyon lotor L., 1758) zählt in Deutschland zu den Neozoen - dies sind Tierarten, die unter direkter oder indirekter Mitwirkung des Menschen aus ihrem ursprünglichen Verbreitungsareal in neue Lebensräume gelangt sind. Mit der zunehmenden Internationalisierung und Globalisierung des Handels bzw. des weltweiten Tourismus in den letzten Jahrzehnten ist auch die Zahl der absichtlich oder zufällig eingeschleppten Tierarten drastisch angestiegen. Allein in Deutschland geht das Umweltbundesamt nur bei den Wirbeltieren von über 250 Neozoenarten aus.

Die umwelt- und gesellschaftspolitische Bedeutung der Neubürger ergibt sich aus einem vielseitigen Gefahrenpotenzial. So können Neozoen beispielsweise in ihrem neuen Verbreitungs­gebiet mit ein­heimischen Arten in starker Konkurrenz um Lebensraum und Nahrungsressourcen stehen und diese gegebenenfalls durch Prädation oder durch Konkurrenzvorteil (z.B. erhöhte Anpassungs- und gute Reproduktionsfähigkeit) völlig verdrängen. Dies spielt besonders im Hinblick auf naturschutzrelevante Arten eine große Rolle. Im schlimmsten Fall können durch das Eindringen gebietsfremder Arten sogar ganze ökologische Kreisläufe nachhaltig verändert werden. Zahlreiche Beispiele belegen auch die Relevanz von Neozoen als Vektoren von Parasiten und Pathogenen für Mensch, Haus- und Wildtiere, oder als Verursacher von wirtschaftlichen Schäden, vor allem im Bereich der Forst- und Landwirtschaft.

Die Erarbeitung von Strategien zum Management der Neozoen in ihrem neuen Lebensraum scheitert häufig am unzureichenden Wissensstand über die Biologie der Tierarten – denn genau diese komplexe Biologie zu kennen, ist die Grundlage für die Einschätzung der Wirkung einer Art. So ist die Ermittlung der ökologischen Ansprüche der Arten sowie die Information der Öffentlichkeit Voraussetzung für eine effiziente Prävention von ökonomischen und ökologischen Schäden.

Vor dem Hintergrund der weltweit rasant ansteigenden Problematik invasiver Tierar­ten und der mit Unterzeichnung der Biodiversitätskonvention von Rio 1992 eingegangenen Verpflichtungen durch die Vertragsstaaten sind auch die Konse­quenzen der Einbürgerung des Waschbären in Deutschland noch weitgehend ungeklärt. Es fehlt nach wie vor an allgemeinen Kriterien für die Bewertung sowie an Richtlinien für die Behandlung. Seit Mitte der 1990er Jahre steht der Waschbär stark im Focus kontroverser Diskussionen über den Status als potentieller Faunenverfälscher bzw. über den Einfluss dieser Tierart auf die hiesige Faunengemeinschaft.

In diesem Zusammenhang sind drei Wirkungsebenen für potentielle Schäden zu nennen:
1.      Waschbären als Vektoren für Krankheiten und Parasiten von Nutz- und Wildtieren,
2.      wirtschaftli­che Schäden an Nutzpflanzen durch den Wasch­bären,
3.      ökologische Beeinträchtigung der einheimischen Fauna.

Trotz der deutlich zunehmenden Präsenz des Waschbären fehlten wissenschaftliche Untersuchungen zu diesen Wirkungsebenen bis heute fast vollständig.

Übergeordnetes Ziel des Projektes sind daher umfangreiche Untersuchungen zu den drei genannten Wirkungsebenen unter den Sonder­bedingungen eines Schutzgebietes (Müritz-Nationalpark) in Mecklenburg-Vorpommern (Modul I), um Daten für eine ökologische Bewertung des Waschbär­vor­kommens liefern zu können. Die gewonnenen Erkenntnisse werden im Rahmen eines gezielten Wissenstransfers, einer intensiven Presse- und Öffentlichkeitsarbeit sowie durch eine umfassende Publikationstätigkeit der Allgemeinheit zugänglich gemacht (Modul II) und durch Beratungen bei der Erstellung von Managementstrategien sowie gezielten Artenschutzmaßnahmen in die Praxis umgesetzt (Modul III).